Nachbarschaft und neue Kirche

Es ist ein ganz schön langes Wort: Sozialraumorientierung. Oder Kontextualisierung. Auch nicht viel besser. Beiden Begriffen gemeinsam ist die hohe Zungenbrecherqualität. Beide Begriffe lösen bei vielen Menschen die sie zum ersten Mal hören auch ein fragendes Stirnrunzeln aus. Beiden ist aber auch gemein, dass sich ein zentrales Moment der Kirchenentwicklung in ihnen verbirgt.

Der Begriff Sozialraumorientierung ist in den letzten Jahren an verschiedenen Stellen aufgetaucht und bezeichnet zunächst ein Arbeitsprinzip oder Fachkonzept, das den Blick auf kleinräumigere Einheiten einer Stadt, bzw. eines sozialen Gefüges richtet. Es gibt viele gute Artikel zu diesem Thema (zum Beispiel bei der Caritas, die dazu sogar ein Video produziert hat.

Kontextualisierung ist ein Begriff, der mir zum ersten Mal im Zusammenhang mit den fresh expressions of church begegnet ist. Ich glaube, dass sich mit diesem Begriff eine Art gedanklicher Paradigmenwechsel für uns als Kirche andeutet: es geht um eine Kirche die im Kontext je neu entsteht, weil sie die Bedürfnisse, Interessen oder Notlagen der Menschen zur Grundlage ihrer Gestalt macht. Eine Kirche die sich in den Kontext senden lässt – die ihre Mission darin neu findet, sich auf die Bewegung von Gott zu den Menschen einzulassen und sie mitzugehen.

Nachdem wir bei unseren Stammtischen bisher viel und ausführlich über die eigenen Visionen von Kirche, das persönliche Gefühl, nicht mehr so recht zum Laden zu passen und das Hören auf Gott und die Menschen gesprochen haben, wagten wir uns diesmal, beim fünften Stammtisch an die So-zi-al-raum-ori-en-tie-rung und Kon-tex-tu-alisierung. Wir wollten mal den Blick auf das Umfeld richten: die Nachbarinnen und Nachbarn – die Menschen, für die Kirche auch da sein will, zu denen sie aber keinen Kontakt mehr hat.

Beim Stammtisch waren die fünf zentralen Prinzipien der Sozialraumorientierung unser Einstieg in einen spannenden Austausch:

  1. Mit den Interessen und dem erklärten Willen der Bewohnerschaft eines Stadtteils, einer Nachbarschaft oder eines Dorfes beginnt es: Die Menschen des konkreten Sozialraums sind mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen über die Verhältnisse vor Ort die Expert*innen und Impulsgeber*innen für die Prozesse vor Ort.
  2. Veränderungen der Lebenssituationen werden nicht für, sondern mit den Menschen im Sozialraum erdacht, geplant und durchgeführt. Eigeninitiative und Selbsthilfe der Bewohnerschaft treiben Veränderungsprozesse an.
    Aufgabe der Begleiter*innen sind Befähigung, Aktivierung und Moderation der Prozesse.
  3. Die persönlichen Stärken und Potentiale jedes/ jeder Einzelnen gelten als Orientierungspunkte. Zudem werden die verfügbaren Ressourcen im Sozialraum in den Blick genommen: persönliche Netzwerke, Angebote der bestehenden Infrastruktur, Unternehmen, soziale Dienste und Einrichtungen im Umfeld.
    So können Veränderungsprozesse partnerschaftlich und wertschätzend angegangen werden.
  4. Der Kontext wird in seiner Fülle in den Blick genommen.
    Alle Menschen des Sozialraums sollen mit ihren Fähigkeiten, Interessen und Möglichkeiten berücksichtigt werden. Vordefinierte Zielgruppen sind zu vermeiden.
  5. Koordination, Kooperation und Vernetzung sind zentrale Begriffe der Sozialraumorientierung. Kirche vernetzt sich im Sozialraum und sucht nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit lokalen Einrichtungen (Verwaltung, Bildung, Sozial- und Bauplanung, ..), Initiativen und Menschen guten Willens.

An drei Tischgruppen tauschten sich jeweils 5 bis 6 Kirchenentdecker*innen über diese Prinzipien und ihre Erfahrungen aus. Schnell wurde dabei deutlich, wie richtig sich der sozialraumorientiere Ansatz anhört, wie schwer er aber auch konkret umzusetzen ist. Die eine Tischgruppe suchte in ihren Gesprächen nach ersten Schritten in den Sozialraum, um Kontakt zu jenen zu finden, die bisher nicht im Blick waren. Die anderen dachten über die Frage nach, was sie eigentlich selbst in einen Sozialraum einbringen können, der auf den ersten Blick „gesättigt“ – also ohne erkennbaren Notlagen erscheint.

 

Wie ist das mit der Nachbarschaft? Wer ist das eigentlich?

Was bewegt die Menschen in unserem konkreten Umfeld?

Und wie könnte Kirche mit ihnen und durch sie neu Gestalt annehmen?

Die Wahrnehmungsaufgaben des Fresh-X-Netzwerks halfen den Entdecker*innen dabei, das Thema mitzunehmen und ermutigten dazu, den eigenen Sozialraum mit neuen Augen zu sehen.

In der Evangelischen Landeskirche der Pfalz und dem Bistum Speyer gibt es nun 17 Menschen (mehr), die – nach dem ersten Stirnrunzeln – über Sozialraumorientierung und Kontextualisierung sprechen und damit den Anfang einer neuen Form von Kirche meinen.

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